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Elvis Presley

PERSÖNLICHKEITEN

Ich entdecke spannende Menschen und spreche mit ihnen. Klar, darauf fußen viele journalistische Darstellungsformen. Bei mir entstehen daraus häufig Wortlaut-Interviews. Handwerk oder Kunst? Ihre Entscheidung.

In meinem Blog Moment: New York gibt es weitere Geschichten und Interviews - raten Sie mal, zu welchem Thema?

Referenzen einmal anders: eine Auswahl an Persönlichkeiten, mit denen ich gesprochen habe. Hinter besonders hervorgehobenen Namen verbirgt sich ein Auszug aus dem jeweiligen Interview.

Elizabeth Strout * Jason Wu * Malcolm McLaren * Yu Tsai * Hartmut Esslinger

David Wyndorf * Claus Kleber * Daniel Coyle * Fritz Pleitgen * James Frey

Jean Michel Jarre * Scott Weiland * Sibylle Berg * Jimmy Wales * DBC Pierre

Jutta Kleinschmidt * Cecilia Bartoli * Armin Rohde * Marilyn Manson * Donna Leon

Henry Rollins * Sinead O'Connor * Emily the Strange * Paul Frank * Jim Rakete

Iris Berben * Romain de Marchi * Götz Alsmann *

Armin "Ich überhole mich gerne mal selbst auf der rechten Spur."

Erschienen in Galore Vol. 6, 2005

27.10.2004, Bochum. Beim Besuch in Armin Rohdes Haus verweigert zunächst die Kaffeemaschine ihren Dienst: Per Digitalanzeige verlangt sie mal neue Filter, mal neue Bohnen und auch noch eine Tresterleerung. Rohde macht daraus ein amüsantes Schauspiel, bis schließlich der Kaffee samt aufgeschäumter Milch auf dem Tisch steht.

Herr Rohde, Sie kommen soeben von den Dreharbeiten zu "Bluthochzeit", wo Sie den despotischen Vater zweier erwachsener Söhne gespielt haben. Im realen Leben haben Sie noch keine Kinder.

Armin Rohde: Es gibt Tage, da denke ich: Ich muss jetzt unbedingt ein Baby schaukeln, ein Kleinkind an der Hand nehmen und ihm die Welt erklären. Ich gehe gern mit Kindern um und spreche sie auf Augenhöhe an, weil ich sie nicht für dümmer halte, nur weil sie noch nicht so viel Welt- und Lebenserfahrung haben. Ich glaube, ich wäre ein guter Papa. Aber ich könnte momentan nicht der Vater sein, der ich gerne wäre. Wenn ich mir meinen Kalender angucke: Ich habe jetzt fünf Wochen frei, aber selbst in dieser Zeit gibt es kaum zwei Tage hintereinander, die ich wirklich für mich habe. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste mich jetzt noch um ein Kind kümmern...

Dazu können Ihnen viele Kollegen sagen: Wenn es erst mal da ist, wird sowieso alles anders.

Richtig, das tun die auch. Aber sehen Sie: Es ist für mich schon schwer genug, wenn meine Süße in der Tür steht und winkt. (seufzt) Wenn ich mir vorstelle, sie würde da mit einem Baby im Arm stehen - du könntest die nächsten drei Tage von mir keine Großaufnahme machen. Ich weiß, was ich meinem Gefühlshaushalt zumuten kann und was nicht. Schauspieler sein, besonders Filmschauspieler, heißt Abschied nehmen können. Ich heule jedes Mal am letzten Drehtag. Rotz und Wasser. Nicht unbedingt so, dass die anderen das mitkriegen, aber es ist so. Wenn ich mir dazu noch einen so schweren Abschied von einem kleinen Kind vorstelle und dann irgendwann frage: "Wieso macht der schon Abitur? Der war doch gerade erst..." Das möchte ich nicht. Da könnte ich dann keine fünf oder sechs Filme im Jahr mehr drehen, sondern nur noch drei, um genug Zeit für Familie und so weiter zu haben. Aber das hier oben (zeigt auf seinen Kopf), das muss spielen. Ich würde sonst an mir selbst ersticken.

Der Abschied beim Film, den Sie gerade ansprachen, ist aber oft gar nicht so endgültig. Wenn man sich Ihre Filmliste anschaut, fällt auf: Mit einigen arbeiten Sie ganz schön oft zusammen. Inwiefern wirken Sie dabei als Netzwerker?

Ich mag es ganz gern, der Pate zu sein. Das ist eine schöne Rolle. Dazu gehört auch, ein bisschen auf junge Kollegen aufzupassen, dass mit denen kein Scheiß gemacht wird. Oder einzugreifen, wenn ich sehe: Der ist zwar begabt, aber der hat die Manieren noch nicht, die man am Set braucht. So geht man mit Maskenbildnern nicht um, so redet man nicht mit Beleuchtern.

Was passiert, wenn Sie so etwas bemerken?

Diese Leute nehme ich mir zur Brust. Da spiele ich dann ein bisschen Papa und sage: "Ich finde dich klasse, das soll unserer Freundschaft keinen Abbruch tun, aber das, was da gestern Abend gelaufen ist: So verhält man sich nicht, mein Freund." Da kann ich dann das alte Frontschwein rauskehren: "Pass mal auf, ich habe sie kommen und gehen sehen. Ich habe Jungs wie dich verrecken sehen, an Tabletten, an Alkohol. Mach's nicht." Und das sage ich dem Betreffenden dann so, dass er's kapiert. Vielleicht fühlt er sich etwas verletzt dadurch, aber mit einer Verletzung lernt man's halt schneller. Natürlich bin ich lieber der Kumpel auf Augenhöhe, aber ich bin nun mal jetzt in der Generation, die in der Verantwortung steht. Wenn ich's dem nicht sage - die nächste Generation tut es vielleicht nicht mehr. Und ich habe keine Lust, mit 60 am Set zu stehen und nur noch lauter anmaßende, schnöselige kleine Arschlöcher um mich herum zu haben. Dieses Rollenfach ‚Pate' übernehme ich schon gerne, da habe ich Spaß dran.

Inwiefern gehören Spaß und Arbeit für Sie zusammen?

Die meisten Regisseure, mit denen ich einmal gearbeitet habe, wollen immer wieder mit mir arbeiten. Ich kann meinen Beruf und ich mache gern Spaß, auch am Set. Ich habe es nie gelernt, mich so heilig zu fühlen: (flüstert) "Alle Ruhe, Herr Rohde fängt gleich an zu spielen. Pst." Arbeitszeit ist Lebenszeit. Auch als ich im Theater Shakespeare gespielt habe, habe ich bis zum Schluss noch mit dem Inspizienten blöde Witze oder Kochrezepte ausgetauscht - bis ich raus auf die Bühne musste und Richard III war. Da muss ich nicht rumlaufen und mir vorsagen: "Richard, Richard, ich bin Richard, seit dreihundert Jahren tot." Ein Bäcker denkt auch nicht den ganzen Tag: "Ich werde heute gute, knusprige Brötchen backen." Der rührt den Teig an, schiebt das Zeug in den Ofen und da kommen knusprige Brötchen raus. So mache ich das mit einer Rolle: Sehr praktisch, sehr handfest.

Geben Sie bei einer Rolle dann auch private Seiten von sich preis oder verschwinden Sie ganz dahinter?

Das frage ich mich nicht. Ich verstelle mich für eine Rolle nicht, sondern ich spüre nach wie ein Blinder die Brailleschrift: Wo hat die Rolle ihre Höhen, ihre Tiefen? Man fühlt sich da rein und hebt gewisse Dinge hervor. Ich lasse einige Charakterzüge nach hinten treten, andere kommen dafür nach vorne, und dadurch entsteht das Profil der Rolle. Ich bin ja privat auch nicht nur nett und freundlich - es gibt Tage, da laufe ich rum wie ein Klappmesser, bin einfach sauer. Dann kriegt die Rolle halt von diesem Armin ein bisschen mehr. So entsteht Verwandlung. Als Anfänger auf der Schauspielschule bin ich nachts oft schweißgebadet aufgewacht, um darüber nachzudenken, was Verwandlung für einen Schauspieler bedeutet: Muss ich dafür so machen (schneidet Gesichter) oder ganz viel Farbe im Gesicht haben...? Mit genau dieser Scheiße verdienen jede Menge Leute sehr viel Geld. Aber das ist Kantinenschauspielerei, das macht man mal als Spaß für Freunde und Kollegen. Ich würde mich nicht unterstehen, damit ein Millionenpublikum zu belästigen.

Was macht ein echter Schauspieler im Gegensatz dazu mit seiner Rolle?

Ganz grundsätzlich ist die Verabredung zwischen einem Theaterschauspieler und dem Theaterpublikum erst mal eine ganz andere als die zwischen Filmschauspieler und Filmzuschauer. Der Theaterzuschauer weiß immer: Herr X spielt uns heute Abend ein U vor. Herr Rohde ist nicht Richard III, er spielt ihn nur. Im Film und Fernsehen sieht dich der Zuschauer auch als König vor 300 Jahren, glaubt aber komischerweise, dass du auch so bist. Er will es einfach glauben. So wie ich als 12-Jähriger Pierre Brice als Winnetou gesehen habe: Hätte Pierre Brice, um mir zu beweisen, welch toller Schauspieler er ist, im nächsten Film einen neurotischen Kindermörder gespielt, hätte ich gesagt: "Sag mal, bist du bekloppt? Du bist so ein geiler Winnetou - wieso Kindermörder?" Das Filmpublikum will von dir nicht überrascht, sondern bestätigt werden.

Wie gehen Sie damit um?

Wofür dich die Leute lieben, hast du als Schauspieler nicht in der Hand. Wenn ich sage: "Pass mal auf, ich bin sehr kompliziert, sehr intellektuell, sehr heikel", dann sagen die: "Halt die Schnauze, sei Bierchen." Als Filmschauspieler muss ich also darauf achten, dass ich den Fächer nur ganz langsam aufmache. Andererseits darf ich nicht im Klischee erstarren, sonst kriege ich nur noch entsprechende Angebote. Ich kann durchaus mal mit einer Rolle kommen, bei der das Publikum sagt: "Ach, das ist der auch?" Dabei muss ich aber sehr behutsam vorgehen. Ich versuche, bei meinen Rollen ein Beiboot dabeizuhaben, das schon andeutet: Aha! Eine ganz andere Richtung! Ich werde mich aber hüten, den ganzen Ozeandampfer aussehen zu lassen wie das Beiboot.

Die Figur Bierchen, den Sie eben erwähnt haben, war in dem Film "Kleine Haie" nur eine Nebenrolle...

Selbst wenn ich 50 Jahre lang Hauptrollen gespielt habe, wird immer wieder gesagt werden: Sie haben doch mit Nebenrollen angefangen. Jeder Artikel im Internet fängt an mit Nebenrollen. Haben Sie schon einmal etwas von Neurolinguistischem Programmieren gehört? Das Unterbewusstsein versteht keine Negation. Wenn ich sage: "Er spielt heute keine Nebenrollen mehr." Dann bleibt bei den Leuten "er" und "Nebenrollen" hängen.

Wieso bleiben diese Rollen auch inhaltlich so sehr beim Publikum hängen, dass Sie heute noch auf Bierchen angesprochen werden?

Aus lediglich vier Drehtagen für diese Rolle konnte ich nur deswegen diese Essenz pressen, weil ich damals schon sehr viel Berufserfahrung hatte. Ich hatte viele Jahre lang Theater gespielt, dann kann man eine solche Rolle auch so gestalten, dass sie knallt. Dann gibt es noch das Unwägbare: Ich weiß, was ich spielen will, und die Leute sehen trotzdem noch etwas anderes darin - dafür kann ich nichts. Es macht aber das eigentlich Interessante aus. Sonst könnte man ja jeden beliebigen Schauspieler für jede beliebige Rolle nehmen. Gott sei Dank hat man das selbst nicht im Griff. Sich immer nur auf eine bestimmte Art und Weise ablichten zu lassen, damit die Ikone ja nicht beschädigt wird, wäre langweilig. Ich kann aber auch das Bedürfnis der Leute verstehen, sich diese Art von Idolen und Göttern aufzubauen.

Wie fühlen Sie sich in so einer Position, die Sie nicht aktiv steuern können?

Mir würde es schon reichen, einen etwas gesicherteren Status zu haben. Wie Adriano Celentano in Italien: Wenn der mal einen zu viel säuft und zu schnell gefahren ist, sagen nicht gleich alle: "Aha! Da haben wir das ganze Leben lang gedacht, Adriano Celentano ist ein toller Schauspieler, Sänger und Mensch - und jetzt ist der zu schnell gefahren!" Hier würde der die nächsten zwei Wochen in der ‚Bild' fertig gemacht. Ich brauche keinen besonderen Respekt, weil ich ein bekannter Schauspieler bin, sondern den ganz normalen Respekt, den ich auch jedem Menschen entgegen bringe, der mir vorher noch nicht geschadet hat. Ich will mich nicht mein ganzes Leben lang vorsichtig verhalten, weil mich mal jemand bescheißen könnte. Leider aber wird diese Art von Bereitschaft und Gutmütigkeit von vielen Leuten für einen Mangel an Intelligenz gehalten.

Wie erklären Sie sich, dass es in Deutschland diese Kultur der Schadenfreude gibt?

Das hat zunächst einmal geschichtliche Ursachen. Nach dem Dritten Reich sind wir misstrauisch geworden gegen gewisse Töne und gegen eine gewisse Größe von jemandem. In Deutschland kann man es nur ganz schwer riskieren zu sagen: "Ich bin gesund, ich sehe gut aus, ich kann was, ich verdiene gut." Dieses Land und viele Leute in diesem Land können sich selbst nicht leiden. Ich habe kein Problem damit zu sagen: Ich bin Deutscher, und ich bin es gerne. Ich habe jetzt in der Eifel gedreht, ich war in der Lüneburger Heide, an der Nordsee, in Bayern: Das ist ein wunderschönes Land. Mit unglaublichen Möglichkeiten. Und man darf es nicht den Rechten überlassen, zu sagen: "Ich bin stolz." Ich bin im Übrigen nicht stolz, ich lebe einfach gerne hier. Man kann stolz sein, dass man zwanzig Liegestützen schafft, aber stolz, ein Deutscher zu sein? Stolz kann man nur auf das sein, was man sich schwer verdient hat. Wer hat bitteschön etwas dafür geleistet, in Deutschland zur Welt gekommen zu sein?

Worauf können Sie denn stolz sein?

Auf meine Familie - obwohl die zunächst einmal auch nicht mein Verdienst ist. Ich bin stolz darauf, dass die so toll zusammenhält. Dazu gehört, dass man sich anruft, dass man für den anderen da ist, wenn der in eine Scheißsituation kommt. Dass man mit Zeit, Arbeit, Geld, womit auch immer aushilft. Vor kurzem ist meine Mutter an Krebs gestorben. Da bin ich stolz darauf, gemerkt zu haben, dass wir sehr viel aushalten. Ich bin auch stolz, wenn eine Rolle so gelingt, wie ich gedacht habe. Jeder, der einen künstlerischen Beruf hat, muss die Dinge auch einfach mal passieren lassen können.

Solche Äußerungen sind vielleicht der Grund dafür, dass sich in der Presse hartnäckig die Bemerkung hält, Sie seien Buddhist. Sind Sie diesem Glauben tatsächlich verbunden?

Das hat so nie gestimmt. Ich bin zwar mit Anfang 20 zum Buddhismus konvertiert, aber das habe ich damals gemacht, um eine Frau zu beeindrucken. Ich wollte einfach cool gefunden werden. Ich war dann auch zwei Jahre mit ihr zusammen, es hat also was gebracht! (lacht) Mir gefällt die Friedfertigkeit, Buddhisten haben nie Eroberungsfeldzüge oder Heilige Kriege geführt. Oder diese Sache mit der Wiedergeburt: Ich glaube zwar nicht, dass ich in meinem nächsten Leben als Ameise wiederkomme, aber ich glaube, dass im Universum keine Energie verloren geht. Alle Energie bleibt erhalten, und als irgendwas werde ich schon weiter rumspinnen. Und wenn es nur das Gekräusel auf einer Welle ist.

Wie lief das denn genau ab mit Ihrer Konvertierung?

Das war in einer Runde mit Kollegen aus der Wohngemeinschaft und anderen Buddhisten aus Wuppertal. Alle waren ganz ehrfürchtig, denn es war ein tibetischer Lama zu Besuch. Ich empfand den einfach als einen sehr witzigen, sympathischen Mann und fragte, ob man ehrfürchtig sein müsste, um Buddhist zu werden, oder ob das auch mit ein bisschen Spaß ginge. Darauf frohlockte er: "Spaß, Spaß!" und warf eine Handvoll Reis über mich. Da dachte ich: Das ist mein Mann! Und habe mich von ihm taufen lassen. Seitdem heiße ich Karma Gelek Palsang. Das bedeutet so viel wie unendliche Seligkeit, unendliches Glück. (lacht) Aber wie gesagt, ich bin kein Buddhist. Manche der ehrfürchtigen Buddhisten sagen dann allerdings: Der muss aber schon ziemlich weit auf dem Weg der Erleuchtung sein, wenn er meint, er sei kein Buddhist. (lacht) Manchmal kann man sagen, was man will - die Leute hören das, was sie hören wollen.

Während Ihrer Schauspiel-Ausbildung und auch danach sind Sie in eine Clownschule gegangen. Was lernt man da?

Doof zu sein und die eigene Doofheit zuzulassen. Je länger ich mich damit beschäftige, um so mehr verfestigt sich meine Ansicht, dass wir Menschen im Innersten doof sind. Es gibt für jeden Menschen, und sei er noch so intelligent, noch so gut ausgebildet, die Situation, in der sich zeigt: "Hier bist du doof. Da weißt du nicht weiter." Jeder für sich weiß, wenn er allein im Bett liegt, dass er eigentlich nur ein groß gewordenes Kind ist, das zusieht, dass es all das sortiert bekommt, was im Alltag von ihm gefordert wird. Als Clown lasse ich mich auf das Fiasko ein, auf die Peinlichkeit, die Hilflosigkeit. Wobei der Clown sagt: Fallen ist keine Schande, aber liegen bleiben. Ich muss mit der Situation also irgendetwas anfangen - und zwar so, dass ich Leute unterhalte oder zum Lachen bringe. Dass ich ihnen das Leben ein bisschen leichter mache, obwohl ich ihnen eigentlich nur den Spiegel vorhalte. Ein guter Clown ist einer, der die Leute dazu bringt, über sich selbst zu lachen - indem sie über ihn lachen.

Lassen sich diese Dinge auf die Schauspielerei übertragen?

Ja. Man lernt, sich nicht immer etwas vorzunehmen, sondern bereit zu sein. Zu gucken: Was kommt da auf mich zu, wie schaut der mich an, wie redet der überhaupt mit mir? Es wäre auch langweilig, wenn immer nur das passieren würde, was ich mir ausgedacht und vorgenommen habe. Ich überhole mich gern mal selbst auf der rechten Spur. Wie morgens beim Duschen: Ich drehe das Kaltwasser immer dann auf, wenn ich selbst damit nicht rechne. Sonst würde ich abends noch unter dem warmen Strahl stehen.

Das hört sich so an, als sei eine Menge Selbstüberwindung im Spiel.

Das Gefühl kennt doch jeder von sich selbst: Man geht auf eine Party oder Familienfeier und fühlt sich ein bisschen gehemmt, man kommt nicht so ganz aus sich raus. Man steht vielleicht an der Tanzfläche und würde schon auch gern ein bisschen tanzen, aber man kriegt diesen kleinen inneren Schritt nicht gemacht. Wenn man es dann schafft, diese kleine Klippe zu überwinden, fühlt man sich auf einmal nicht mehr so schüchtern, kann etwas erzählen, ist so witzig, wie einen die besten Freunde kennen. Ganz viele Leute kriegen diesen kleinen Umdreher nicht hin. Dabei ist es nur ein Millimeterbereich. Spannend ist, den Vorgang zu zeigen, wie jemand da hinkommt. Das muss ich als Schauspieler können - es gehört zur Professionalität, diese kleine Hemmschwelle immer wieder herstellen und abrufen zu können. Bei mir mag die nicht so groß sein, aber ich habe sie auch.

Wo liegt für Sie der Unterschied zwischen hemmungslos und schamlos?

Eine Hemmung kann man überwinden. Im tiefen Sand wird das Auto am schnellen Fahren gehemmt, sobald ich aus dem tiefen Sand rauskomme, ist die Hemmung weg. Hemmung heißt Widerstand. Scham ist etwas vollkommen anderes, sie hängt mit dem Charakter, mit der Gesamtbefindlichkeit zusammen - wie ich mich präsentieren möchte, wie ich gesehen werden möchte. Die Hemmung sehe ich als etwas Mechanischeres an.

Wie äußert sich das ganz konkret?

Ich bin für die Dreharbeiten von "St. Pauli Nacht" drei Nächte lang splitterfasernackt über den Spielbudenplatz auf der Hamburger Reeperbahn gelaufen. Normalerweise zählt es zum menschlichen Alptraumrepertoire, mitten in der Stadt ohne Hose zu stehen. Und ich hatte nicht nur keine Hose an, ich hatte gar nichts an! Ich habe keine Hemmungen, so etwas zu tun, aber natürlich ein gewisses Schamgefühl: Man zeigt nicht mitten in der Stadt seinen Arsch und seinen Schwanz. Es gehört einfach nicht zum gesellschaftlichen Konsens. Und wenn man's doch tut, muss das durch einen ganz bestimmten Auftrag legitimiert sein. Hätte ich mich also ohne die Anwesenheit einer Kamera und eines Filmteams so verhalten, müsste man sich Gedanken über meinen Geisteszustand machen. Der Privatmensch würde sich schämen, so etwas zu tun. Der Profi hat dann aber die Hemmung, die durch die Scham entsteht, zu überwinden. Und wenn ich das nicht könnte, hätte ich die Rolle nicht annehmen dürfen. Es gibt immer wieder Schauspieler, die vorher wissen, dass sie sich in einer Rolle nackt ausziehen müssen. Wenn der Drehtag kommt, an dem sie die Hüllen fallen lassen müssen, haben sie dann die allerblödesten Ausreden parat. Dafür habe ich kein Verständnis. Entweder lasse ich mich ein oder nicht, dazwischen gibt es nichts. Und wenn ich mich einlasse, dann gebe ich Vollgas.

Wenn Sie mit dieser Schwelle spielen, machen Sie Dinge, die vielen anderen äußerst peinlich wären. Sie stehen dann da mit Küchenschürze und sonst nichts bekleidet...

Ja, als ich bei "Wetten dass..." mit nacktem Arsch durch die Halle in der Schweiz gelaufen bin. Da habe ich auch erst gedacht: Puh! Da versuche ich jetzt jahrelang, von diesem komischen Underdog-Image wegzukommen, und was mache ich? Ziehe mir eine Küchenschürze an und laufe mit nacktem Arsch durch die Schweiz. In einer Sendung, die 14 Millionen Leute sehen. Super, Rohde. Aber hinterher habe ich gemerkt, dass es sehr gut angekommen ist und mich auch gar nicht zurückbefördert hat in diese Proll-Ecke. Die Leute meinten dann eher: Wir kennen nicht viele, die sich das in der Situation getraut hätten.

Sie haben einmal gesagt, dass schönste Kompliment für Sie sei, wenn jemand sagt: "Der traut sich was." Wem wollen Sie etwas beweisen?

Jetzt haben Sie mich erwischt. Ich habe inzwischen schon selbst gemerkt, dass dieses Vokabular nicht mehr so ganz das trifft, was ich meine. Wenn man sagt "der traut sich was", muss davor ja die Annahme gestanden haben: Er traut sich wenig oder gar nichts. Dass ich mich Dinge traue wie die Hosen fallen zu lassen, das ist bereits festgestellt und dadurch für mich auch schon wieder erledigt. Durch diese Station bin ich vor Jahren gekommen, fand es auch ganz nett, will dahin aber nicht unbedingt wieder zurück. Ich habe nicht mehr das Gefühl, irgendjemandem etwas beweisen zu müssen. Außer mir selbst. Mir zu zeigen: Da schaffe ich es, über meinen eigenen Schatten zu springen. Da bin ich mutiger, als ich es von mir selber gedacht habe.

 

NACH OBEN!